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Erstmals hat die Hochschule in Starnberg im Sommer 2019 zwei Studierenden im 1. Fachpraktikum die Möglichkeit eröffnet, zwei Monate an einem Gericht im EU-Ausland zu verbringen. Ann-Kathrin Käller und Dominic Wanie waren die beiden Glücklichen, die das Auswahlverfahren für sich entschieden haben. Beide wählten ein österreichisches Gericht für ihren Einsatz aus, Ann-Kathrin ging nach Innsbruck und Dominic nach Wien. Der KURIER hat die beiden um die Schilderung ihrer Eindrücke gebeten.

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Dominic Wanie, 19 Jahre, Egling an der Paar

Wie schwer habt ihr das Auswahlverfahren gefunden?

Ann-Kathrin: Jeder Bewerber muss sich eigenständig um Gericht, Wohnung, Anreise und dem drum herum für den Aufenthalt kümmern, bevor die Hochschule den Praktikumsplatz vergibt. Das finde ich gut, man muss halt was für das Praktikum tun und sich wirklich darum bemühen. Schwer war, ein Gericht zu finden, da von vielen angeschriebenen Gerichten überhaupt keine Rückmeldung kam. Ich persönlich fand den Zeitraum sehr kurz, in dem man alles regeln musste, was aber wohl daran lag, dass es sich um den ersten Testjahrgang handelte. Bei dem Auswahlverfahren wurden nur Studenten zugelassen, die aus den ersten vier Klausuren einen Durchschnitt von 8 Punkten haben. Da ich jetzt in Österreich einen Platz bekommen habe, konnte bei mir der Sprachkurs entfallen, was sonst ggf. knapp geworden wäre.

Dominic: Ich muss zugeben, dass ich mir über ein Scheitern nie große Gedanken gemacht habe. Ich habe das Projekt immer als einen großen Bonus angesehen, bei dem es schön wäre, wenn es funktioniert und so war es ja dann auch.

 

Wie seid Ihr an eine Wohnung gekommen?

Dominic: Mit meiner Wohnung hatte ich das große Los gezogen. Ich bin durch Zufall im Internet auf ein Studentenheim aufmerksam geworden, das mir schon vom ersten Eindruck her sehr gefallen hat. Mit dem Vermieter hat alles reibungslos funktioniert und so hatte ich das große Glück mit vielen gleichaltrigen, inzwischen guten Freunden, in einer super Lage zu wohnen. So dauerte der Fußmarsch zur Donau 5 Minuten und schon in 10 Minuten war man mit der Tram im Zentrum von Wien.

Ann-Kathrin: Ich habe damals auf Facebook auf der Seite „WG & Wohnung Innsbruck gesucht“ nach einer Wohnung Ausschau gehalten. Auf der Seite haben WG-Mitglieder ihre freien Zimmer zur Zwischenmiete oder fest zur Miete angeboten.  Als dann eine Wohnung dabei war, die in einer sehr guten Lage zu den Gerichten war und bei der die Mitbewohnerinnen sehr sympathisch wirkten, habe ich an die entsprechende Kontaktadresse über das Portal „WG gesucht“ eine Mail geschrieben. Nach kurzen Schreiben mit der Bewohnerin und Wohnungsführung per Videoanruf habe ich auch schon direkt die Zusage von ihr bekommen. Es hat wirklich gut geklappt und die Wohnung war auch tatsächlich so wie auf den Fotos.

 

Seid Ihr an Eurem Ausbildungsgericht gut aufgenommen worden? Glaubt Ihr, dass es auch den ausbildenden Rechtspflegern Spaß gemacht hat?

Ann-Kathrin: Definitiv! Am Gericht wurde ich sehr gut in das ganze Team integriert, die dortigen Rechtspflegeranwärter haben mich auch sofort aufgenommen.
Auch meine Ausbilder haben sich mir gegenüber sehr herzlich verhalten. Ich hatte immer das Gefühl, dort willkommen zu sein. Ich habe mich mit einigen auch in der Freizeit getroffen. Alle Ausbilder und Anwärter hatten sehr viel Spaß daran, mir die Abläufe zu erklären und die Arbeitsweise am österreichischen Gericht zu zeigen.  Das haben sie mir mehrfach ausdrücklich gesagt. Ich muss sagen, dass auch das Interesse in Innsbruck sehr groß war, etwas über deutsches Recht und die Abläufe und über das Studium zu erfahren. Daher haben wir viel voneinander lernen können.

Dominic: Mein gesamter Aufenthalt am Bezirksgericht 1 in Wien lässt sich kurz gesagt als eine großartige Erfahrung zusammenfassen. Mein Aufenthalt wurde von dem Geschäftsleiter Herr Gaugusch mit sehr viel Engagement geplant, was für mich eine super Basis war. Ich erhielt Einblicke in jede, den Rechtspfleger betreffende, Abteilung und durfte auch viel Zeit mit Richtern verbringen. Man hat gespürt, dass jeder Kollege am BG1 selbst sehr interessiert an diesem Projekt, bzw. den Vorgängen an deutschen Gerichten war. So wurde ich auch von allen Kollegen sehr freundlich in Empfang genommen und mir wurde oft bis ins kleinste Detail der Ablauf in den verschiedenen Abteilungen nähergebracht, was für mich eine große Bereicherung war.

 

Welche Tätigkeiten habt Ihr kennengelernt.

Ann-Kathrin: In Österreich gibt es für die Rechtspfleger die Bereiche Insolvenz/Exekution, Außerstreit, Grundbuch (alle am Bezirksgericht) und Firmenbuch (Landesgericht). In meiner Zeit in Innsbruck habe ich alle Bereiche durchlaufen. Generell habe ich Akten vorbereitet, Beschlüsse geschrieben und dann anschließend alles mit meinem jeweiligen Ausbilder besprochen. Im Grund- und Firmenbuch habe ich die vorgelegten Verträge auf Eintragungsfähigkeit geprüft, Zwischenverfügungen verfasst und mit Erlaubnis eingetragen. In den Bereichen Insolvenz und Außerstreit habe ich an Terminen und Verhandlungen teilgenommen. An einigen Tagen bin ich mit Richtern in deren Verhandlungen mitgegangen. Ich durfte wirklich viel selbstständig bearbeiten, was mir sehr gut gefallen hat.

 

Was könnte man Eurer Meinung nach noch verbessern?

Dominic: Der Zeitraum des Praktikums hatte für mich den großen Vorteil, dass ich einen wunderschönen Sommer mit neu kennengelernten Freunden und Kollegen in einer sehr schönen Stadt verbringen konnte. Etwas problematisch war, dass ich zuerst Einblicke in die österreichische und dann in die deutsche Praxis hatte. Für mich persönlich war es kein Problem, denn ich konnte meine Vergleiche rückwirkend schließen. Jedoch hätte ich den Kollegen am BG1 gerne öfter erklären wollen können, wie es in bei uns in Deutschland funktioniert.

Ann-Kathrin: Ja, der Zeitraum im Sommer könnte in den Herbst ausgedehnt werden. Wir konnten das Praktikum nur von Mitte Juni bis Ende August machen. Gerade diese Zeit liegt mitten in den Sommerferien, weshalb am Gericht einige Rechtspfleger und Richter Urlaub hatten. Auch waren viele der Parteien im Sommerurlaub und es gab nicht so viele Termine und Verhandlungen, wie es z.B. im Herbst der Fall gewesen wäre. Außerdem hätte man so auch mehr vom eigenen Gericht erzählen können. Bevor ich nach Innsbruck gegangen bin, war ich nur eine Woche an meinem Ausbildungsgericht. Es war recht schwierig einen Platz an einem Gericht im Ausland zu bekommen, von vielen Ländern kamen oftmals Absagen, wenn die sich überhaupt gemeldet haben, das weiß ich auch von anderen Studenten, die sich auf das Praktikum beworben haben. Das größte Problem war dabei, dass es sich noch nicht in der EU herumgesprochen hat, dass man in Bayern die Möglichkeit für ein solches Auslandspraktikum hat. Vielleicht könnte man mehr verbreiten, dass es die Möglichkeit jetzt gibt, um die Aufnahmebereitschaft zu steigern. Man könnte eventuell auch die Europäische Union der Rechtspfleger integrieren.

 

Was würdet Ihr zukünftigen Teilnehmern des Programms für einen Rat mitgeben?

Ann-Kathrin: Man sollte sich auf jeden Fall frühzeitig um Gericht, Wohnung etc. kümmern. Es bringt nichts, alles auf den letzten Drücker zu erledigen und darauf zu hoffen, dass sich schon alles findet. Ein Zimmer in einer WG bietet sich auf jeden Fall an. So gibt es gleich Leute, die einem die Stadt zeigen können und mit denen man auch die Freizeit verbringen kann.

Dominic: Auch wenn derzeit leider nur zwei Plätze angeboten werden können, lohnt es sich sehr die Bewerbung trotzdem zu versuchen. Vielleicht hat man ja doch den ein oder anderen unerwarteten Punkt mehr in den Klausuren und hat dann eben doch die Chance eine solch großartige Erfahrung zu machen.

 

Was war euer schönstes Erlebnis? Und was die schwierigste Situation?

Dominic: Um ehrlich zu sein ist es schwierig, zu sagen was genau das schönste Erlebnis an dem Auslandsaufenthalt war. Insgesamt denke ich jedoch, dass vor allem die freundlichen Menschen und die vielen neuen Freunde, die ich kennenlernen durfte und mit denen ich eine so wunderschöne Zeit verbringen durfte auf jeden Fall das Highlight meiner Reise waren.

Ann-Kathrin: Ich kann auch gar nicht wirklich sagen, was mein schönstes Erlebnis war. Die herzliche Aufnahme von den Kollegen war auf jeden Fall positiv. Das Leben in Innsbruck an sich hat mir auch sehr gut gefallen. Gerade die Umgebung mit den vielen Bergen bietet unzählige Möglichkeiten. Ich war in meiner Freizeit sehr viel Bergsteigen. Wenn man das mag, ist Innsbruck wirklich perfekt für das Praktikum.

Anfangs war es schon eine Herausforderung, den Tiroler Dialekt zu verstehen. Einige Kollegen und Parteien in Innsbruck haben teilweise extrem tirolerisch gesprochen. Das war schon gewöhnungsbedürftig, aber auch das ging nach der Zeit schon besser.